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Die Geschichte des Rüthener Höker-Hauses Buuck PDF Drucken E-Mail

Im Jahr 1609 errichteten der vermutlich aus einer wohlhabenden und angesehenen Geseker Familie stammende und in Rüthen gegen Ende des 16. Jh. Eingebürgerte Caspar Buck und seine Rüthener Ehefrau Dorothea Hotke in der Bergstadt ein Gebäude, dessen Größe, Gestaltung und Funktion zweifellos schon damals als außergewöhnlich zu bezeichnen war und die Stadt veranlasste, dem Erbauer eine besondere Gebühr von 1 Reichstaler für das „Aufburen“ d.h. für das Aufrichten der bis zur Gegenwart das umgebende Stadtbild prägenden, imponierenden Balkenkonstruktion für das Fachwerkhaus abzuverlangen.

Betritt man heutzutage die Innenstadt Rüthens durch das Hachtor, so wird auch derzeit noch immer für jedermann nach wenigen Schritten der Gebäudebereich an der Kreuzung Hachtorstraße/Mittlere Straße/Nieder Straße unausweichlich dominierend und zugleich baugeschichtlich beeindruckend durch diesen historischen Hausbau beherrscht.

Er stellt sich bei näherer Betrachtung als vorzügliches und auffallend großes Fachwerkgiebelhaus in eben dieser hervorragenden Lage an einer der schon vor Jahrhunderten bedeutendsten Straßenkreuzungen der Stadt Rüthen dar. Das Gebäude weist 3 Geschosse auf und zeigt einen hohen ausgefachten Krüppelwalmgiebel zur Niederen Straße hin. Dort befindet sich auch der Haupteingang mit einem großen, reich ornamentierten Deelentor. Das zweite Obergeschoss und der Giebel sind auskragend. Im dreifach vorkragenden Giebel und an den Gesimsbändern des zweiten Obergeschosses an den Traufenseiten befinden sich außergewöhnlich reichhaltig geschnitzte und beschriftete Schwellhölzer des frühen 17. Jahrhunderts.

Alle Balkenköpfe im Bereich der Schwellhölzer des zweiten Obergeschosses und des Giebels sind als für die historische Bausubstanz der Stadt Rüthen einmalige „Trotzmasken“ zur seinerzeit mystisch tradierten Abwehr von Neid und Missgunst der das Haus betretenden oder dort vorübergehenden Menschen ausgestaltet.

Neidkopf am Haus Buuck

Im Rückteil des Hauses an der Hachtorstraße sind Reste einer Steinkammer (heute Kellerraum) sichtbar. Das hohe Dach ist mit einer Schiefereindeckung versehen.

Welche Funktion hatte dieses Gebäude, das sich wohl schon zur Zeit seiner Erbauung von den übrigen Ackerbürgerhäusern in der Stadt auffallend unterschied?

Sein erster Eigentümer Caspar Buck wird in einer zeitgenössischen Steuerliste als Höker bezeichnet, d.h. er war Kleinhändler, also Kaufmann mit einer eigenen Verkaufsstelle (im Unterschied zum Fernkaufmann/Großhändler) zwecks Versorgung der Bevölkerung in Stadt und Umland mit den vielfältigsten Gebrauchswaren des täglichen Bedarfs. Diese lagerte er zur Anschauung und Bevorratung auf großflächigen Böden im zweiten Ober- und im Dachgeschoss seines Hauses und vertrieb sie vor Ort wie auch in den Dörfern des damaligen Gogerichts Rüthen, die per kurfürstlichem Erlass ihren entsprechenden Bedarf ausschließlich in der Stadt Rüthen zu Schutz und Förderung der städtischen Zünfte und Gewerbe zu decken hatten. Das im Rüthener Höker-Haus befindliche reichhaltige Warenangebot wie auch der florierende Umsatz damit innerhalb und außerhalb des Gebäudes machen einerseits die Bedeutung der erwähnten „Neidmasken“ damit erklärlich, erläutern anderseits aber auch den Sinn der damals bewusst und funktionsgerecht gewählten Hausinschrift, die in besonders plakativer Form die gesamte Breite der giebelseitigen Stapelhölzer zum zweiten Obergeschoss ziert:

„1609 den 17ten (der hier folgende Monatsname ist unleserlich) haben mir elude als Caspar Buuck und Dorotea Hotke dis haus uns und unsern kindren zu nutz und der stadt Ruden zu frommen gebauet“

Damit wollte der Erbauer folgendes zum Ausdruck bringen:
Die berufliche Existenz, das gewerbliche Einkommen und die darauf beruhende familiäre Fortentwicklung mit diesem Gebäude zu fördern und zu mehren und zugleich damit immer auch dem Ansehen und Ruf des heimischen Gemeinwesen zu dienen ist eine kaufmännische Einstellung, die hier im Sinnen und Trachten des „Hökers“ Caspar Buck noch einmal auch den ursprünglichen Geist des großen Hansebundes, dem damals zwar bereits verblühten, aber offiziell noch immer existenten Netzwerk von Städten, Händlern und Kaufleuten erkennbar werden lässt, für das die Stadt Rüthen in diesem Erbauungsjahr des Hauses (1609) letztmalig ihren Mitgliedsbeitrag zahlt und dessen Traditionen sich der Eigentümer und Betreiber des Hauses sich durch die gewählte Inschrift ausdrücklich verpflichten will.

Neben dem Kleinhandel, der „Hökerei“ weisen archivalische Indizien aber auch darauf hin, dass Caspar Buck und auch einige seiner Nachfolger in diesem Haus zeitweise einen Gasthof betrieben.

Die einst vom Erbauer demonstrativ, weil attraktiv wirkenden, mit reicher Ornamentik ausgestalteten Außenwände und Gefache an den beiden Straßenseiten sind heute bis zur Traufenhöhe unschön verputzt, eine Maßnahme, die wohl in der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts vorgenommen wurde. Trotz dieser Einschränkung stellt sich dieses ursprüngliche „Hökerhaus“ als das stattlichste der noch vorhandenen alten Häuser in Rüthen dar und war wohl immer bis zum heutigen Tage der städtebauliche Schwerpunkt an dieser Straßenkreuzung.

Den großen Stadtbrand von 1739, der insbesondere das sog. Niedere Quartal der Stadt Rüthen, an dessen Ostrand sich der Standort des Gebäudes befand, in seiner Bausubstanz schwer in Mitleidenschaft zog, hat das Gebäude als eines der wenigen unbeschadet überstanden. Seine dann dem Erbauer nachfolgende Nutzung ist allerdings vom Wandel im Gewerbe der differenzierten Eigentümer wie auch vom Einfluss der sich ändernden Zeitverhältnisse geprägt:

So war der Schwiegersohn und direkte Nachfolger des Caspar Buck, Caspar Kösterhoff, Bäcker und Brauer im Hauptberuf, daneben –wie die meisten Rüthener Bürger- aber auch Landwirt, eben ein Ackerbürger. 1648 gehört er als Rüthener Kämmerer dem Rat und Stadtregiment an. In den folgenden Jahrzehnten wechselten die Namen der Eigentümer, zumeist begründet durch Eheheiratung, recht häufig (z.B. Köchling, Brandt, Adler). 1802 gehörte das Haus dem Kaufmann Joseph Elling, der hier wiederum eine Gastwirtschaft betrieb.

Ihm folgte in der Zeit zwischen 1815 und 1835 dann der jüdische Kleinhändler Meyer Rosenfeld, der die ursprüngliche Gemischtwarentradition des Hauses wieder aufnahm. Zwischen 1835 und 1838 erwarb der Fuhrmann und Kornhändler Friedrich Petrasch das Gebäude. Für seine gewerblichen Zwecke des Getreidehandels hat er die großen Lagerflächen im 2. Obergeschoss und im Dachbodenbereich verstärkt und ausgebaut und den imponierenden mechanischen Lastenaufzug mit Ladeluken von der Deele bis ins hohe Dachgeschoss angelegt zu haben. Sein Sohn Albert Petrasch wird 1860 als Eigner dieses Hauses ebenfalls mit dem Gewerbe Landfuhrmann, Kornhändler und Landwirt angegeben.

1871 heiratete Anton Luig aus Altenrüthen die Witwe des verstorbenen Petrasch und führt auch dessen Kornhandel weiter. Sein gleichnamiger Sohn setzt 1901 traditionsgemäß die Landwirtschaft fort, funktioniert aber das Getreidegewerbe des Vaters in einen Kohlehandel um, indem er dazu nicht mehr die Hausböden nutzt, sonders als dafür geeignetere Lagermöglichkeit das benachbarte Fachwerkgebäude Hachtorstr. 22 (heute Jugendzentrum „Treff“) erwirbt.

Auch dessen Sohn Anton (III.) Luig, der ehe- und kinderlos blieb, setzte den Betrieb des Kohlehandels über viele Jahre fort, stellt diesen dann aber anfangs den 70er Jahre des 20. Jh. ein, nicht zuletzt auch auf Grund der gravierenden wirtschaftlichen und technischen Veränderungen u.a. im Bereich der Brennstoffnutzung.